Deutscher Luftverkehr durchfliegt schwere Turbulenzen – erste Entlastungen weisen den richtigen Weg
BDL legt Halbjahreszahlen 2026 vor. Präsident Lars Redeligx:
„Wir wollen den Standort gemeinsam wieder auf Wachstumskurs bringen.“
Die deutsche Luftverkehrswirtschaft durchfliegt eine Phase schwerer Turbulenzen. Die Erholung des Passagierverkehrs ab Deutschland ist im ersten Halbjahr 2026 eingebrochen: 97,7 Millionen Passagiere nutzten die deutschen Flughäfen. Das waren 0,8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Überdurchschnittlich hohe staatliche Standortkosten als auch der Nahostkonflikt belasten Fluggesellschaften, Flughäfen und weitere Anbieter. Das geht aus den Halbjahreszahlen 2026 hervor, die der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) vorgelegt hat. Die
erste Entlastung bei der Luftverkehrsteuer und der Entbürokratisierungskurs der Bundesregierung gehen zwar in die richtige Richtung. Für eine echte Trendwende müssen aber die staatlichen Standortkosten halbiert und damit an den europäischen Durchschnitt angepasst werden.
Das Sitzplatzangebot für Flüge ab Deutschland schrumpfte im ersten Halbjahr um 1 Prozent auf 85
Prozent des Vor-Corona-Niveaus. In den anderen europäischen Ländern stieg es dagegen um
4 Prozent auf durchschnittlich 111 Prozent von 2019. Der Abstand zwischen Deutschland und dem
restlichen Europa wuchs damit auf 26 Prozentpunkte. Deutschland liegt weiter auf Rang 28 von 31
europäischen Ländern.
„Unsere Branche durchfliegt schwere Turbulenzen. Der Nahostkonflikt trifft alle Akteure im
Luftverkehr. Zwar ist die Kerosinversorgung vorerst gesichert – aber die Kosten bleiben hoch. Wichtige
Lufträume sind gesperrt. Und in Deutschland trifft diese Entwicklung auf die weiterhin
überdurchschnittlich hohen staatlichen Standortkosten“, sagte BDL-Präsident Lars Redeligx. „Wir
müssen jetzt die Voraussetzungen für neues Wachstum schaffen.“
Deutschland bleibt Schlusslicht beim Wachstum
Besonders deutlich ist der Rückstand bei den europäischen Punkt-zu-Punkt-Airlines. Ihr Angebot liegt
im übrigen Europa inzwischen 58 Prozentpunkte über dem Angebot in Deutschland. Zugleich bleiben
Verbindungen zu Wirtschaftsmetropolen in Nord-, Ost- und Westeuropa stark ausgedünnt. Der
innerdeutsche Verkehr erreicht nur noch 48 Prozent des Niveaus von 2019. Bei dezentralen
Verbindungen, die nicht als Zubringer zu den Drehkreuzen Frankfurt oder München dienen, sind es
lediglich 18 Prozent.
Die gesunkene Passagierzahl wirkt sich auch auf das Geschäft der Bodendienstleister und des Travel-
Retail-Marktes aus, zu denen die Duty-Free-Geschäfte an den Flughäfen zählen. Letztere bekommen
außerdem die ökonomische Lage in Deutschland zu spüren sowie einen veränderten Passagiermix
aufgrund der geopolitischen Lage.
„Der europäische Luftverkehr entwickelt sich weiterhin dynamisch. An unseren Fluggesellschaften
und Flughäfen geht diese Entwicklung aufgrund hoher Steuern und Gebühren vorbei. Deutschland
bleibt beim Luftverkehr Europas Schlusslicht. Das schwächt nicht nur die Luftverkehrswirtschft –
sondern auch die internationale Anbindung unserer Wirtschaft, Messen und den Tourismus“, sagte
Redeligx. „Wir wollen die Lücke schließen mit starken Hubs und breiter Anbindung in der Fläche. Dafür
brauchen wir die richtigen Rahmenbedingungen. Dann kann der Luftverkehr ab Deutschland in den
nächsten Jahren wieder durchstarten.“
Der BDL begrüßt daher die Rücknahme der jüngsten Erhöhung der Luftverkehrsteuer und den
Entbürokratisierungskurs der Bundesregierung. Beides hilft dem Standort. Neben finanziellen
Entlastungen geht es um einfachere Verfahren und den Rückbau nationaler Regeln auf europäische
Vorgaben. „Die Bundesregierung hat wichtige erste Schritte gemacht. Die Entlastung bei der
Luftverkehrsteuer hilft. Auch der Entbürokratisierungskurs ist richtig. In den Branchendialogen
Luftfracht und Luftsicherheit ist mit den beteiligten Ministerien und nachgelagerten Behörden eine
Vielzahl an schnell umsetzbaren Regelungen vereinbart worden“, sagte Redeligx. „Jetzt brauchen wir
weitere Maßnahmen. Die staatlichen Standortkosten müssen halbiert werden. Schweden zeigt, wie
schnell bessere Bedingungen wirken.“
Schweden hat seine Luftverkehrsteuer Mitte 2025 vollständig abgeschafft und damit eine Trendwende
eingeleitet. Bereits im ersten Halbjahr 2026 wuchs das Flugangebot um sechs Prozent. Für das vierte
Quartal werden mehr als 800.000 zusätzliche Sitzplätze gegenüber dem Vorjahr erwartet – trotz hoher
Kerosinpreise. Vor Abschaffung der Luftverkehrsteuer schrumpfte das Angebot monatlich.
In Deutschland sind die staatlichen Standortkosten für den Luftverkehr im Jahr 2025 um 1,1 Milliarden
Euro auf 4,3 Milliarden Euro gestiegen. Seit 2019 haben sich Kostenblöcke wie Luftverkehrsteuer sowie
Gebühren für Luftsicherheitskontrollen und Flugsicherung mehr als verdoppelt. Um wieder
wettbewerbsfähig zu werden, braucht der Standort eine Halbierung dieser Belastungen in Höhe von
zwei Milliarden Euro – oder eine Reduzierung um 15 Euro pro Passagier. Damit würde Deutschland im
europäischen Durchschnitt liegen.
„Die Luftverkehrswirtschaft kann entscheidend dazu beitragen, in Deutschland wieder eine
Wachstumsstory zu schreiben. Unsere Unternehmen können neue Verbindungen schaffen. Sie sichern
Arbeitsplätze, Wertschöpfung und Lieferketten“, sagte Redeligx. „Dafür brauchen sie faire,
wettbewerbsfähige und verlässliche Rahmenbedingungen – in Deutschland wie in Europa. Nun
kommt es auf den konkreten Beitrag von Bund und Ländern an.“
Nahostkonflikt belastet Passage – Luftfracht wächst
Der Nahostkonflikt trifft besonders die Netzwerk-Airlines. Außereuropäische Anbieter reduzierten ihr
Angebot ab Deutschland gegenüber dem Vorjahreszeitraum um acht Prozent, europäische Netzwerk-
Airlines um vier Prozent. Auf Langstrecken in den Mittleren Osten und nach Zentralasien sank das
Angebot vorübergehend auf 85 Prozent des Niveaus von 2019.
Die Luftfracht verzeichnete einen leichten Anstieg der Ladungsmengen. Dieser fiel jedoch deutlich
geringer aus als an anderen europäischen Standorten. An den deutschen Flughäfen wurden 2,39
Millionen Tonnen ein- und ausgeladen. Das waren 3,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und 3,3
Prozent mehr als 2019. Aufgrund geopolitischer Krisen temporär verlagerte Warenströme und der
Bedarf an Hochleistungschips für KI-Infrastruktur stützten das Geschäft. Der wichtigste deutsche Frachtflughafen Frankfurt legte bei Ein- und Ausladungen um ein Prozent auf 996.000 Tonnen zu. Der
wichtigste Wettbewerber Istanbul erreichte jedoch mit einem Plus von 9 Prozent einen Umschlag von
1,074 Millionen Tonnen. Ähnlich hohe Wachstumsraten vermeldeten die Flughäfen Amsterdam und
Lüttich für das erste Halbjahr 2026.
Auch der Ausblick auf den Winterflugplan 2026/27 zeigt ein geteiltes Bild. Nach aktuellem Stand
wächst das Angebot auf interkontinentalen Flügen leicht über das Vorkrisenniveau. Auf
Europastrecken erreicht es 90 Prozent des Winters 2018/19. Der innerdeutsche Verkehr schrumpft
dagegen weiter und erreicht nur noch 43 Prozent des damaligen Angebots, auf dezentralen Strecken
sogar nur 14 Prozent. Insgesamt erreicht der Luftverkehr ab Deutschland lediglich 88 Prozent des
Vorkrisenniveaus. Im übrigen Europa steigt das Angebot auf einen neuen Rekordwert von 118 Prozent.
Der Abstand vergrößert sich damit voraussichtlich auf 30 Prozentpunkte.
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