Wofür braucht es innerdeutschen Luftverkehr?

Im Jahr 2018 traten rund 24 Millionen Passagiere einen innerdeutschen Flug an. Das entspricht etwa 11 Prozent aller Flugpassagiere Deutschlands. Das Flugangebot auf innerdeutschen Verbindungen wächst seit vielen Jahren nur moderat. Und durch den Einsatz größer Flugzeuge im innerdeutschen Verkehr konnte die Zahl innerdeutscher Flüge sogar um 22 Prozent reduziert werden. Im Vergleich dazu wuchs das Angebot an Flügen aus Deutschland zu europäischen Zielen seit 2004 um rund 24 Prozent und zu interkontinentalen Zielen um 56 Prozent.

Die Strecken im innerdeutschen Verkehr sind sehr lang: 83 Prozent der Flüge verbinden Städte, die mehr als 400 Kilometer auseinander liegen.

Trotzdem stellen Teile der Öffentlichkeit in Frage, warum es überhaupt noch Inlandsflüge gibt. Dabei sind innerdeutsche Flugverbindungen nicht nur für den Geschäftsreiseverkehr wichtig, sondern auch für das Funktionieren des gesamten deutschen Luftverkehrssystems: Ein Teil der innerdeutschen Passagiere fliegt zu einem deutschen Drehkreuzflughafen und will von dort aus ein internationales Langstreckenziel erreichen.

Wofür braucht es überhaupt innerdeutsche Flüge auf Strecken, die auch von Bahnen und Fernbussen bedient werden?

Bedeutung für den Geschäftsreiseverkehr

65 Prozent der innerdeutschen Passagiere sind geschäftlich unterwegs. Bei vielen Geschäftsreisen ermöglicht nur das Flugzeug die Hin- und Rückreise innerhalb eines normalen Arbeitstages.

Die Distanz zwischen Hamburg und Nürnberg beträgt Luftlinie etwa 460 Kilometer. Mit der Bahn ist ein Fahrgast hin und zurück gegenwärtig rund 8:40 Stunden auf dieser Strecke unterwegs, mit dem Flugzeug nur 2:20 Stunden (reine Fahr- bzw. Flugzeit). Die Geschäftsreise kann also inklusive An- und Abreise zum jeweiligen Flughafen problemlos absolviert werden, ohne dass viele Überstunden anfallen oder eine Hotelübernachtung nötig wird. Eine repräsentative Umfrage desifo-Instituts München unter etwa 7.000 deutschen Unternehmen belegt die Bedeutung innerdeutscher Flugverbindungen: 40 Prozent der deutschen Unternehmen gaben an, dass innerdeutsche Flugreisen für sie von großer Bedeutung sind.

Bedeutung für den Umsteigeverkehr

Ein großer Teil des internationalen Luftverkehrs wird über Drehkreuze abgewickelt: Fluggesellschaften bündeln an großen Flughäfen wie zum Beispiel Frankfurt und München Passagierströme für die Langstrecke und für den Europaverkehr. Dies ist sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll, denn so werden Flugzeuge optimal ausgelastet und auch periphere Regionen an das internationale Verkehrsnetz angebunden.

In diesem System spielen innerdeutsche Flugverbindungen eine wichtige Rolle als Zubringer. Viele Passagiere auf innerdeutschen Flügen sind also gar keine innerdeutschen Passagiere im eigentlichen Sinne, sondern treten ihren innerdeutschen Flug als Teil eines internationalen Fluges an und steigen dann am Drehkreuzflughafen um.

Ein Beispiel: Im Jahr 2018 flogen 66.800 Passagiere von Nürnberg nach München. Davon hatten lediglich rund 1.700 Passagiere in München ihr Endziel erreicht, mehr als 97 Prozent stiegen zu Zielen weltweit um (vgl. Grafik). Die sehr kurzen Verbindungen zu den Drehkreuzen, wie beispielsweise Stuttgart – Frankfurt oder Nürnberg – München machen aber nur einen sehr kleinen Anteil der innerdeutschen Flüge aus (2018: 9 Prozent).

Verlagerung auf die Schiene?

Auf manchen Strecken kann die Rolle von Inlandsflügen als Zubringer für den Langstreckenverkehr auch von Bahnen oder Fernbussen übernommen werden. So existieren heute beispielsweise keine Linienflüge mehr zwischen Köln und Frankfurt, da es hinreichende Bahn- und Busverbindungen auf dieser Strecke gibt. Eine Voraussetzung dafür ist aber eine gute Anbindung der Flughäfen an das Fernverkehrsnetz der Bahn.

Eine stärkere Kooperation zwischen Luftverkehr und Bahnverkehr kann jedoch nur funktionieren, wenn die Angebote von den Kunden angenommen werden. Eine Verlagerung auf die Schiene per Dekret oder per künstlicher Verteuerung kann nicht funktionieren, denn Eingriffe in die Verkehrsmittelwahl führen in der Regel nicht dazu, dass weniger geflogen wird, sondern lediglich dazu, dass die Menschen auf Anbieter aus dem Ausland ausweichen.

Passagiere, die den kompletten Reiseweg mit dem Flugzeug zurücklegen wollen, können immer auch im Ausland umsteigen: Statt etwa mit der Bahn von Hannover nach Frankfurt zu fahren, um dann mit einer deutschen Fluggesellschaft nach Peking zu fliegen, können sie auch von Hannover aus mit ausländischen Fluggesellschaften über deren Drehkreuze im Ausland reisen, zum Beispiel über Paris, Amsterdam, London oder Istanbul. Profitieren würden dann nicht Bahn oder Busunternehmen, sondern ausländische Fluggesellschaften und deren Heimatflughäfen.

Stand: Mai 2019

Norbert Lübben
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Luftfahrt aktuell 4 | 2019: Wofür braucht es innerdeutschen Luftverkehr?