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Winterdienst an deutschen Flughäfen

Das Eis ist heiß

Deutschlands Flughäfen rüsten sich für den Winter. Menschen und Maschinen stehen bereit für den Kampf gegen Schnee und Frost. Ein Besuch am Hamburg Airport.

Acht weiße Elefanten stehen auf dem Vorfeld. Sie warten auf kaltes Wetter. In ihren Bäuchen haben sie tausende Liter flüssiges Glykol-Gemisch. „Von mir aus kann der Winter kommen“, sagt André Betz, lacht und tätschelt dem einen Elefanten die Eisenhaut. „Wir sind bestens vorbereitet.“ Supervisor Betz ist der Herr der „Elefanten“ – so nennen die Experten am Flughafen die Enteisungsfahrzeuge mit Spitznamen. Wenn es feuchtkalt ist und bewegliche Teile an Flugzeugen gefährlich vereisen, rücken die 20-Tonner aus.

Die langen „Rüssel“ der „Elefanten“ bringen die Sprühpistolen ganz nah an die Flieger heran – und schon heißt es: Enteiser Marsch! Das Enteisungsfluid wird auf die Tragflächen und auf den Rumpf der Flugzeuge gesprüht. Fahrer und „Korbmann“ – so heißt der Kollege, der am Ausleger-Ende die Düsen bedient – brauchen etwa eine Viertelstunde, bis eine Maschine vom Eis befreit ist. „Der Frostschutz hält maximal bis zu acht Stunden an“, weiß André Betz. „Aber bei Schneeregen können wir theoretisch nach 30 Minuten von vorn anfangen. Die Entscheidung liegt beim Flugkapitän.“

Winterdienst

Vorsorglich aufgerüstet

In den ungewöhnlich harten Wintern 2010 und 2011 kamen die „Elefanten“ besonders oft zum Einsatz. Damals ging manchem Flughafen sogar die Enteisungsflüssigkeit aus. Mal kamen die Hersteller mit der Produktion nicht nach, mal blieben Lieferwagen in der „weißen Pracht“ verschneiter Straßen stecken. Die Folge: Flüge mussten verschoben werden oder sogar ausfallen. „Bei uns war es zum Glück nicht ganz so schlimm“, erinnert sich André Betz, „aber trotzdem haben wir jetzt vorsorglich aufgerüstet – wie viele andere Flughäfen in Deutschland auch.“ Am Südzipfel des Hamburg Airport glänzen elf neue Edelstahltanks voll Flugzeug-Enteisungsmittel. Mit insgesamt 250.000 Litern Fassungsvermögen wurde die Lagerkapazität verdoppelt.

Enteisungsmittel_Anlager

Aber nicht nur die Jumbojets müssen im Winter schnee- und eisfrei gehalten werden, sondern auch die Flugbetriebsflächen – vor allem natürlich die Start- und Landebahnen. Bereits bei zwei Millimeter Schneematsch werden sie unverzüglich geräumt. „Für die Sicherheit der Passagiere ist uns kein Aufwand zu hoch“, sagt Michael Rumstedt, Gesamtkoordinator Winterdienst am Hamburg Airport. Stolz führt der Mann in neongelber Weste einen „Friction-Tester“ vor – einen eigens umgebauten VW Sharan, aus dessen Kofferraum sich per Knopfdruck ein fünftes Rad absenken lässt, das mit Elektronik vollgestopft ist. Mit ihm misst der Friction-Tester die Bodenhaftung auf den Start- und Landebahnen.

Auch sonst ist der Fuhrpark des Schnee- und Eisdienstes bestens ausgerüstet: elf Schneeräumfahrzeuge – bestehend aus LKW mit Schneepflug und Kehrblasgerät – stehen bereit, zwei Schneefräsen, drei Feuchtsandstreuer, ein Enteisungssprühgerät mit 36 Meter langen Sprühbalken. Hinzu kommen noch weitere LKW und kleinere Fahrzeuge, die bei Bedarf kurzfristig mit Pflügen oder „Schneebesen“ bestückt werden können. Alles in allem hat der Schneeräum-Gerätepark des Hamburg Airport einen Wert von über 6 Millionen Euro.

Die Natur setzt Grenzen

Wenn Schnee oder Eis drohen, bekommt das Team von Michael Rumstedt sofort eine Warnung vom Deutschen Wetterdienst, der am Flughafen eine Luftfahrtberatungszentrale unterhält. Wenn Frau Holle oder Väterchen Frost tatsächlich loslegen, läuft alles nach fein ausgeklügeltem Plan: Eine wohl geordnete Fahrzeugkolonne setzt sich in Bewegung, um die Start- und Landebahnen zu räumen. Vorweg wie ein Schäfer der Einsatzleiter im VW-Bus mit Funkgeräten, und Blinklicht. Ihm folgen Kehrblasgeräte, Schneepflüge und Streufahrzeuge. Jede Kolonne wird von einem Mitarbeiter der Verkehrsaufsicht begleitet. Er hat die Oberaufsicht. Erst wenn er grünes Licht gibt, darf der Flugverkehr auf der geräumten Bahn wieder aufgenommen werden. Eine viertel bis halbe Stunde dauert es, eine weiße Startbahn wieder ordentlich schwarz zu machen.

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Der Schnee- und Eisdienst ist von November bis April rund um die Uhr in Bereitschaft. „An Großkampftagen haben wir bis zu 30 Leute im Einsatz“, sagt Michael Rumstedt. „Wenn innerhalb von ein, zwei Stunden zehn Zentimeter Neuschnee fallen, sind wir froh, den Flugbetrieb aufrecht erhalten zu können. Wenn es tagelang stark schneit, verweist die Natur uns in unsere Schranken.“ Schließlich müssen nicht nur die Start- und Landebahnen geräumt werden, sondern auch noch 481.000 Quadratmeter Vorfeldfläche – das entspricht in etwa 65 Fußballfeldern – sowie 25 Kilometer Straßen und Gehwege. Nachtruhe ist nicht: Um 4 Uhr in der Früh, wenn die ersten Passagiere kommen, muss alles „sauber“ sein.

Auch Flugzeug-Enteiser André Betz fängt bei kaltem Wetter früh an: Schon um 3:30 Uhr nimmt er die ersten Maschinen in Augenschein, spricht mit dem Wetterdienst und schreibt Einsatzpläne für seinen Pool von 72 Mitarbeitern. Den ganzen September über haben sie trainiert für den Winter: Sie sind ausgiebig „Elefant“ gefahren und haben eine Übungs-Boeing 707 wieder und wieder mit Wasser besprüht. „Wir sind jetzt richtig heiß auf Eis“, sagt Betz und schmunzelt. Aber was, wenn der Winter dieses Jahr ausfällt? „Dann sind wir trotzdem bereit. Und der nächste Winter kommt bestimmt.“

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