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Luftfracht rettet Leben

Im Interview spricht der Präsident von Luftfahrt ohne Grenzen, Frank Franke, über ungewöhnliche Landeplätze, gefährliche Einsätze und Glücksmomente im Elend. Der Verein fliegt Hilfsgüter in Katastrophen- und Krisengebiete.

Frank Franke

Frank Franke

Herr Franke, warum braucht Hilfe Flügel?

Hilfsgüter für Menschen in Not müssen oft ganz eilig befördert werden, zum Beispiel Medizin, Zelte oder Nahrung. Es gibt über große Distanzen kein schnelleres Beförderungsmittel als das Flugzeug. Der Luftfrachtverkehr ist auch deswegen ohne Alternative, weil die Transportketten sehr präzise organisiert sind. Hilfe kommt so schnell und ohne Umwege bei den Menschen an, die sie dringend brauchen.

Sie bringen den Menschen auch Kleidung oder warme Decken. Das ginge wahrscheinlich auf dem Landweg deutlich preiswerter.

Das machen wir manchmal auch. Wir wägen jeden Transport genau ab: was ist der beste, schnellste und effektivste Weg? Transporte nach Asien oder Südamerika lassen sich per LKW schlecht durchführen. Schiffe fahren zu langsam, wenn es darum geht, rasch zu helfen. Denken Sie an Erdbeben oder andere Naturkatastrophen: Je schneller Medikamente oder Feldkrankenhäuser ankommen, desto mehr Verletzte können überleben.

Wie läuft ein Einsatz von „Luftfahrt ohne Grenzen“ praktisch ab?

Nehmen wir als Beispiel die Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004. Die Nachricht erreichte uns am Abend. Gleich am nächsten Morgen haben wir mit Fluggesellschaften telefoniert und nach freiem Frachtraum gefragt. Parallel organisierten wir Hilfsgüter, da sind wir gut vernetzt. Nur zwei Tage nach dem Tsunami flogen wir mit einer Passagiermaschine nach Colombo auf Sri Lanka, die Touristen heimholen sollte und sonst auf dem Hinflug fast leer gewesen wäre.

Nach dem Tsunami 2005 waren in Indonesien viele Straßen zerstört. LOG half mit Hubschraubern

Ist das der übliche Weg, dass Sie kostenlos freien Frachtraum nutzen können? Oder haben Sie auch eigene Maschinen?

Condor, zum Beispiel, hilft uns in großem Stil. Wir können jederzeit Medikamente verschicken, an jede Condor-Destination weltweit. Wenn Airbus neue Flugzeuge an Kunden ausliefert – die Maschinen sind vollkommen leer –, dürfen wir Hilfsgüter mitgeben. Aber wir chartern auch Flugzeuge, da räumen uns die Gesellschaften großzügige Rabatte ein. Der Flughafen Frankfurt stellt uns Büros zur Verfügung und bezahlt zwei unserer vier festangestellten Mitarbeiter.

Auch mit Rabatt sind Charterflüge nicht ganz billig. Woher kommt das Geld?

Es gibt immer wieder Unternehmen, die unsere Arbeit unterstützen. Neulich hat ein Mittelständler 25.000 Euro überwiesen, der wollte etwas Gutes tun, weil seine Tochter gerade den Meisterbrief geschafft hatte. Eine Schulklasse aus Hämmohr hat mehrere Wochenenden für uns gearbeitet und dabei fast 3.000 Euro eingenommen. Wir haben rund 300 Vereinsmitglieder, die regelmäßig Mitgliedsbeiträge zahlen. Wir freuen uns auch über Kleinspenden. Jeder Euro zählt. Wenn man den Leuten zeigen kann, dass ihre Hilfe wirklich ankommt, sind sie gern bereit, etwas abzugeben.

Auch auf Sumatra leistete LOG nach dem Tsunami schnelle Hilfe aus der Luft: Medizin und Essen. Die Hubschrauber stellte die EADS vor Ort zur Verfügung.

Wie macht LOG auf seine Projekte aufmerksam?

Wir verschicken regelmäßig Pressemitteilungen, die von den Medien gern aufgegriffen werden. Zu Großeinsätzen veranstalten wir Pressekonferenzen. Unsere Unterstützer informieren wir auf Facebook, Kleinspenden generieren wir auch über Plattformen wie „Better Place“.

Wie kommen Sie im großen Stil an Hilfsgüter?

Wir bekommen Produkte von Firmen, die im Notfall gerne helfen und unsere funktionierende Logistik nutzen. Adidas, zum Beispiel, stellt in großem Umfang Kleidung zur Verfügung. Die Werner & Mertz GmbH spendet Desinfektionsmittel, Birkenstock gibt uns Schuhe, Milupa Babynahrung und so weiter.

Nairobi 2010: Luftfahrt ohne Grenzen bringt Nahrung für die Hungernden am Horn von Afrika

Wie erreichen Sie Notgebiete, in denen es keine großen Flughäfen gibt?

Nach dem Tsunami wollten wir auch Hilfsgüter nach Banda Aceh auf Sumatra bringen, wo sehr viel zerstört war. Da konnte unser Jumbojet aber nicht landen. Also flogen wir nach Kuala Lumpur, der Hauptstadt von Malaysia. Dort luden wir alles um in kleinere Maschinen; damit ging es dann weiter. In Haiti setzten wir auch Hubschrauber ein, die EADS für uns gechartert hatte. Zum Starten und Landen durften wir das Dach der Botschaft der Dominikanischen Republik nutzen. Das Ganze ist immer wieder eine große logistische Herausforderung. Zum Glück sind wir nicht allein damit. Luftfahrt ohne Grenzen ist Teil eines europaweiten Netzwerks von Hilfsorganisationen aus der Luftfahrt – in England, Belgien, Frankreich, Holland, Spanien und Finnland.

Nach dem Erdbeben in Pakistan 2005 übernahmen Helikopter der Deutschen Heeresflieger den Weitertransport der Hilfsgüter zu den Verteilstellen im Kaschmir-Gebirge.

Nach dem Erdbeben in Haiti vor drei Jahren richtete sich die Wut der Bevölkerung über schleppende Hilfe auch gegen Vertreter von Hilfsorganisationen. Wie gefährlich ist Ihre Arbeit?

Wir wissen oft nicht, welche Gefahren vor Ort bestehen. Nach der Reaktorkatastrophe in Japan sind wir an Fukushima vorbeigefahren, der Geigerzähler gab pausenlos fürchterliche Töne von sich, aber wie gefährlich das dort nun wirklich für uns war, keine Ahnung. Im Juni sind wir auf Geheimwegen über die türkische Grenze in ein Zeltlager nach Syrien gefahren. Das war schon gewagt. Aber es ist gutgegangen und wir konnten vielen Menschen Hilfe bringen.

Sie sehen immer wieder sehr viel Elend. Werden Sie nie mutlos?

Manchmal erfasst einen schon die Verzweiflung, wenn man die Toten sieht. Aber mutlos bin ich nie. Denn wir können so viel bewegen, inmitten all des Elends. Unsere Hilfsflüge haben schon tausenden Menschen das Leben gerettet. Wir fliegen auch verletzte Kinder nach Deutschland, wo sie operiert werden. 

Gibt es ein Erlebnis, das Sie besonders bewegt hat?

In Myanmar sahen wir einen Jungen, der Fußball spielte; aber da, wo normalerweise der linke Unterschenkel ist, hatte er ein Abflussrohr. Das hatte ihm sein Vater selbst angebracht. Eine richtige Prothese hätte sich die Familie niemals leisten können. Dem Jungen haben wir in Deutschland eine mitwachsende Prothese anpassen lassen. Damit hat er eine Zukunft. Inzwischen geht er in die Schule und ist ziemlich fit am Computer. Solche Erfolgserlebnisse geben uns Kraft, weiterzumachen.

Der Flughafen von Port-au-Prince auf Haiti war nach dem schweren Erdbeben 2010 unbenutzbar. Also flog LOG mit einer Condor-Maschine in die Dominikanische Republik, von dort wurden besonders dringend benötigte Medikamente mit Helikoptern weitergeflogen.